Mittelgebirge Classique – Erfahrungsbericht

Endlich ist es soweit. Das Ziel der Mittelgebirge Classique am historischen Hambacher Schloss ist erreicht. Für mich persönlich ein ganz besonderer Moment. Und Grund genug mich nach einem Rennen einmal wieder etwas intensiver damit auseinander zu setzen und auch einen ausführlicheren Beitrag dazu zu verfassen.

Stefan Barth vor dem Start der Mittelgebirge Classique

Die Key Facts

  • 1.135 km
  • 23.660 hm
  • 77 h 5 min
Stefan Barth bei der Mittelgebirge Classique 2025

Der steinige Weg zur Mittelgebirge Classique 2025

Warum ist dieses Finish für mich ein besonderes gewesen? Ganz einfach: Weil mich die Mittelgebirge Classique (MC) nun schon seit drei Jahren begleitet. 2023 startete ich das erste mal bei diesem Event. Und kassierte ein schnelles dnf (did not finish). Für mich das erste dnf meiner gesamten Sportlaufbahn. Egal ob Marathon, Triathlon, Ultracycling oder Bikepacking Rennen – bis dato habe ich immer alles gefinisht. Zugegebenermaßen war das wohl ein Teil meines Selbtsverständnisses.

Auf die Gefahr hin, dass es sich arrogant anhört: Bis zu diesem Zeitpunkt war nicht finishen in meinen Gedanken nie wirklich vorgekommen. Klar, während diverser Events geistert der Gedanke ans aufhören durch den Kopf. Aber immer nur als flüchtiger Gedanke. Nie als ernsthafte Option. In diesem Event war es anders. Am frühen morgen des zweiten Tages traf ich die Entscheidung die verfrühte Heimreise anzutreten. Vordergründig wegen einer Dehydrierung am ersten Tag. Tatsächlich habe ich auch am ersten Tag viel zu wenig getrunken bei unerwartet heißen Temperaturen. In der Rückschau weiß ich aber, dass dies nicht der wahre Grund war. Die Wahrheit ist, ich war 2023 mental nicht bereit für die MC – bzw. wahrscheinlich war ich für gar kein Ultra Event bereit. Es war das erste Jahr meiner Vollzeit-Selbstständigkeit, das Training hatte zu diesem Zeitpunkt nicht die oberste Priorität, mir spukten zu jeder Zeit tausende Gedanken durch den Kopf. Der nötige Fokus, um ein Ultra Event finishen zu können, hat einfach gefehlt.

Das dnf war eine lehrreiche Erfahrung für mich. Gerade im Coaching hat es mir eine neue Seite aufgezeigt und geholfen, meine Coachees besser verstehen zu können. Denn nicht immer finishen zu können, ist schlichtweg ein integraler Bestandteil im (Ultra-)Ausdauersport. Es passt einfach nicht immer alles. Gleichzeitig war für mich aber klar, dass ich die MC finishen will. Es musste das gleiche Event sein. Die gleiche extrem herausfordernde Strecke. Also für 2024 wieder angemeldet. Besser trainiert, so viel Zeit zur mentalen Vorbereitung eingeräumt wie selten zuvor, am Tag vor dem Event in absoluter Höchstform gewesen. Und dann kam die letzte Testfahrt.

Das Rad schon fertig für den Wettkampf gepackt. Nur noch einmal die Beine vertreten und schauen, dass keine Tasche wackelt. Eine verhängnisvolle letzte Fahrt. Ein asphaltierter Feldweg, eigentlich autofrei, an diesem Tag nicht. Ein Auto fährt auf die Kreuzung, gewährt mir Vorfahrt, alles gut – ich fahre auf die Kreuzung – und wie aus dem nichts taucht eine Stoßstange auf und setzt mich außer Gefecht. Eine Autofahrerin hat den vor ihr haltenden Wagen einfach mitten auf der Kreuzung überholt. Ihre Stoßstange kracht in mein Tretlager. Das Rad wird zur Seite geschleudert, ich selbst mache einen Überschlag über die Motorhaube, lande auf Schulter, Jochbein und schließlich dem Rücken. Das war´s. Das Rad ist hinüber, mein Körper vorerst auch. Keine Chance das dnf aus dem Vorjahr wieder gut zu machen.

DNF – DNS – FINISH

Das war ein desillusionierender Moment. Mittlerweile drehte sich mein Training seit zwei Jahren um die MC. Was also nach der Recovery vom Unfall tun? Kann mich die MC ein drittes Mal (bzw. vor allem einen dritten Winter) in Folge motivieren im Training die Extrameile zu gehen? Oder ist es an der Zeit sich von der MC ein für alle mal zu verabschieden?

Nach intensiver Überlegung habe ich beschlossen einen letzten, dritten Anlauf zu starten. Also 2025: Die letzte Chance. Finish um (fast) jeden Preis. Das war mein Motto. Und diesmal sollte es klappen. Wie ihr nachfolgend lesen werdet, ist vieles nicht gut gelaufen. Aus rein sportlicher Sicht war es sicher kein Highlight. Dennoch bin ich an der MC persönlich und sportlich so sehr gewachsen wie bei keinem vorherigen Event. In der Woche nach dem Finish habe ich das Gefühl im Ultragame eine neue Stufe erklommen zu haben. Ich bin bereit für alles, was die nächsten Jahre an ambitionierten Events kommt. Bring it on!

Der Weg zum Finish – Tag 1

Sonntag morgen 5:30 Uhr früh. Der Start der MC steht bevor. Locker rolle ich die 6 km vom Hotel bis zum Start in der Pfalz, nähe Neustadt an der Weinstraße. Das erste kleine Problem bahnt sich an. Laut meinem Wahoo bin ich ganz wo anders. Das GPS Signal scheint nicht durchzukommen. Naja, erstmal einfach weiter zum Start fahren. Das wird sich schon noch lösen. 5 min vor dem Start, der Wahoo ist schon zwei mal neugestartet, ist das Problem immer noch nicht gelöst. Ich bin von mir selbst erstaunt, dass ich noch nicht völlig hysterisch bin. Entschlossenheit. Das ist prägend für diese MC. Alles, was nicht die Gesundheit gefährdet, darf schlichtweg nicht das Finish verhindern.

Der Startschuss fällt und wir rollen alle los. Da merke ich, dass der Wahoo zumindest die Abbiegehinweise und Routenbeschreibung anzeigt. Nur die Karte scheint nicht zu funktionieren. 1.000 km nur nach verbaler Beschreibung fahren? In 750 m bitte auf die L870 abbiegen, dann auf der Hauptstraße bis zum Kreisverkehr weiter. Im Kreisverkehr die zweite Ausfahrt auf die S95. Keine erbauliche Situation so über 1.000 km Rad zu fahren – gerade nachts im Dunkeln. Ätzend aber machbar denke ich mir. Dann entscheidet sich mein Wahoo zum Glück doch noch zu funktionieren. Gaaaanz weit herauszoomen löst die eingefroreren Karte auf. Ich bin in der Pfalz angekommen. Das Rennen kann starten.

Zügig geht es durch die ersten Orschaften und in Richtung Kalmit. Die ersten müssen bereits am Wegesrand die Platten flicken. Darunter auch der Vorjahressieger. Genau als ich neben ihm bin und „Hallo Consti“ sage, geht bei ihm die Luft raus. Einfach zu viele Weinfeste in dieser Region. Jedes Dorf gefühlt Hochrisikogebiet was Glasscherben betrifft. Ich habe Glück. Und finde in einen guten Rhythmus. Durchaus mit etwas Zug auf der Kette, aber äußerst kontrolliert. Mein Ziel: Nur mein eigenes Rennen fahren. Genau in der Pace, die ich mir vorgenommen habe. Alle anderen können machen, was auch immer sie wollen. Nur lasst mich in Ruhe mein Ding machen.

Gleichzeitig bahnt sich die nächste Herausforderung an. Mein Magen macht Probleme. Nicht wirklich überraschend. Die ganz Woche vor dem Event lag ich mit einem Magen-Darm-Infekt flach. Hatte etwas über 1 kg Gewicht verloren und bis zum Start nur Schonkost gegessen. Der erste Riegel jetzt im Rennen war die Hölle. Ein Bissen und ich spucke das ganze Teil wieder aus. Der Magen rebelliert sofort. Ärgerlich. Aber ich hatte es schon fast ein bisschen erwartet. Also homöopathische Dosen Gummibärchen, hin und wieder ein Stück Käse, regelmäßige kleine Schlucke aus meiner Flasche mit Reissirup und abwarten, ob sich das Problem legen wird. Ab jetzt war vor allem „schlau“ fahren angesagt. Denn das Problem sollte sich nicht wirklich legen.

Hier kannst du nachlesen, warum ein gesunder Darm auf der Langstrecke die absolute Grundvoraussetzung ist und was du dafür tun kannst … wenn du nicht gerade einen Infekt hast 😉

Alle Anstiege versuche ich so locker wie möglich zu fahren. Also immer einen kleinen Gang rein und bei so wenig Watt wie möglich die Trittfrequenz im komfortablen Bereich halten. In den Abfahrten hingegen halte ich rein. Alles was „free speed“ verspricht nehme ich mit. Erst ein paar Wochen zuvor hatten wir im Ruhepuls Podcast Jochen Böhringer zu Gast und haben über das Thema Fahrtechnik gesprochen. Einer von Jochens besten Tipps: Stell dir vor, welchen Weg eine Murmel auf der Abfahrt nehmen würde. Immer den Weg des geringsten Widerstands. Das sage ich mir ab da bei jeder Abfahrt: Sei die Murmel. Und zack! Es läuft. Ich bin selbst überrascht, wie weit vorne ich trotz meiner Zurückhaltung unterwegs bin. Zwar schaue ich nicht auf das Tracking, aber da Consti mich noch nicht wieder überholt hat, denke ich, dass es recht weit vorne sein muss. Zu der Zeit wusste ich noch nicht, dass bereits einige Favoriten aufgegeben hatten.

Hier geht´s zum Podcast mit Jochen zum Thema Fahrtechnik

Gleichzeitig führt meine Fahrweise zu vielen Positionswechseln. Ziemlich den ganzen Nachmittag spiele ich leap frog mit Jana Kesenheimer. An jedem längeren Anstieg zieht sie an mir vorbei. Umgekehrt hole ich sie in jeder Abfahrt wieder ein. Meine Energie-Geschwindigkeits-Ratio ist ziemlich nah am Optimum. So kann ich mich trotz mangelnder Energiezufuhr im vorderen Feld festsetzen.

Noch ist es heiß – dann kommen die Gewitter

Nach 272 km kommt dann die erste Pause. Wie geplant am frühen Abend 18:30 Uhr an einer Tankstelle in Gutach im Breisgau. Nicht nur ich habe mir diesen Spot vor dem extrem bergigen letzten Stück zum CP 1 als Pausenort ausgesucht. Danach stehen 113 km mit satten 3.210 hm an. Da sollte man lieber etwas erholter reinstarten. Vor allem weil das Wetter tagsüber sehr heiß war, sich jetzt aber vermehrt die Gewitter austoben. Bei einigen sind zu diesem Zeitpunkt schon die Elektogeräte abgesoffen. Bei mir ist zu diesem Zeitpunkt eigentlich alles in Ordnung (nur das Ersatzlicht ist auch schon abgesoffen). Die Stimmung ist gut, essen kann ich aber immer noch nicht so richtig. Also erstmal setzten. Ein paar Tucs essen und Eistee trinken und die Top Tube Bag wieder voll mit Gummibärchen stopfen. Nach 20 min geht es weiter. Irgendwann bin ich wieder neben Jana, wir haben einen ähnlichen Rhythmus und klettern (fast) gemeinsam zum CP1.

Mittelgebirge Classique CP 1

Ca. 1 Uhr in der Nacht ist der erste Checkpoint erreicht. Eine kleine Graveleinlage runter zum Wanderheim Stockmatt und rein ins Warme. Von Müdigkeit ist noch keine Spur zu sehen und im Grunde fühle ich mich weiterhin gut. Wenn nicht die Sache mit dem Magen wäre. Naja, für mich ist schnell entschieden, dass ich noch keine Schlafpause machen werde. Denn ich bezweifle, dass ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt hätte schlafen können. Also versuche ich mir eine Portion Spätzle reinzuquälen (wenigstens die halbe Portion habe ich auch tatsächlich geschafft), fülle meine Flaschen auf, gönn meinem Hintern eine kleine Wellness-Packung und trinke die ersten zwei Gläser Cola des Tages – und somit das erste Koffein seit über einem Monat.

Hier kannst du nachlesen, warum ich vor einem Ultra auf Koffein verzichte.

Nass, nässer, Jura – Tag 2

Nach ca. 45 min geht es wieder raus. „Willst du bei dem Regen wirklich direkt weiterfahren?“, fragt mich Christian. „Wird´s denn nochmal besser?“, gebe ich zurück. „Ne.“

Und so sollte es auch sein. Ab diesem Moment ist der Regen mein dauerhafter Begleiter bis zum nächsten Abend. Mal sehr heftig, mal nur Nieselregen. Aber immer feucht, von unten und von oben. Also kein Grund die Entscheidung direkt weiter zu fahren zu bereuen. Diesen Regen konnte man einfach nicht aussitzen. Dann ist es auch egal, wann man sich den Elementen aussetzt. Die ganze Nacht über geht es gut weiter. Ich bleibe meinem Motto treu: An den Anstiegen im Schweizer Jura langsam, bergab und in der Ebene möglichst zügig. Bis zum Morgengrauen bin ich so bis auf Position 4 vorgefahren, da einige am CP1 pausiert haben und ich während der Nacht noch zwei Fahrer schlucken konnte.

Stefan Barth bei der Mittelgebirge Classique

Montag morgens 8 Uhr – etwas mehr als 24 h im Rennen – taucht das nächste Problem auf. Eine Baustelle an der gerade die Bagger loslegen. Der Bauleiter ist auch gerade vor Ort. Ich will durchfahren. Da die Bauarbeiten scheinbar erst an diesem Tag begonnen haben, sollte das eigentlich kein Thema sein. Der Bauleiter sieht das anders. Ich muss mir einen anderen Weg suchen. Genau dort habe ich mal wieder keinen Handy-Empfang. Also fahre ich erstmal mit den Routen auf dem Wahoo. Alles andere als angenehm und ich verfahre mich ziemlich. Am Ende bin ich knapp neben der Originalroute, komme aber einfach nicht wieder drauf. Entweder sind reine Autostraßen oder eine parallel verlaufende Bahntrasse im Weg. Fast drei Stunden brauche ich, um wieder auf die richtige Strecke zu kommen – und knapp 50 EUR Roaming Gebühren – scheiß Schweiz, denke ich mir. Aber dann ist es geschafft. Und genau in diesem Moment taucht auch Matthias auf. Auf dem Weg durch das restliche Jura und hoch zum Chasseral, mit 1.600 m der höchste Punkt der Strecke, treffen wir uns immer mal wieder.

Der Regen bleibt unser dauerhafter Begleiter. Meine Regenjacke hat zu diesem Zeitpunkt bereits ihren Dienst quittiert. Zwar hatte ich sie vor dem Rennen nochmal frisch imrägniert, aber den immer wieder auftretenden heftigern Schauern ist die Jacke nicht gewachsen. Zum Glück sind die Temperaturen eigentlich recht warm – sogar nachts. Nichtsdestotrotz fängt das Event langsam an, an mir zu zehren. Ich merke das enorme Kaloriendefizit. Ich weiß, dass einfach viel zu wenig Energie reinkommt. Grob überschlagen, habe ich zu diesem Zeitpunkt maximal 1/3 dessen gegessen, was ich üblicherweise zu mir nehme.

Hier kannst du nachlesen, wie sich der Energiebedarf für ein Bikepacking Rennen ermitteln lässt und der „Ultracycling & Bikepacking Ernährungsrechner“ gibt dir sogar eine Empfehlung zur Aufteilung der Makronährstoffe und vielem mehr.

Gepaart mit den nassen Klamotten am Körper und der Anstrengung macht sich das erste Mal Schwäche breit. Ein ungeplanter Stopp an einem kleinen Supermarkt. Mal wieder der zaghafte Versuch ein paar trockene Croissants zu essen und den Vorrat an Haribo aufzufüllen. Schon während der Pause fange ich leicht an zu zittern. In dem Moment wird mir bewusst, dass mein ursprünglicher Plan, bis abends CP2 zu erreichen nicht aufgehen könnte. Was also tun? Mit einem vorzeitigen Stopp werde ich definitv den Anschluss an die Spitze verlieren. Das ist klar. Aber was ist die Alternative? Weiterfahren und auf das Beste hoffen? Zu großes Risiko, dass ich dann völlig unterzuckert und unterkühlt irgendwo nachts in den Vogesen hänge… und dort gibt es dann keinen Rettungsanker. Also entschließe ich mich, auf Nummer sicher zu gehen. Auch wenn es erst früher Nachmittag ist, halte ich die Augen nach einem Hotel offen. Währenddessen nimmt der Regen nochmal richtig zu. Und es kommen ein paar richtig heftige Rampen. Am Übergang von der Schweiz nach Frankreich wird es so steil, dass ich mich an einem Anstieg entscheide, lieber zu schieben. Bloß nicht über die Laktatschwelle gehen. Jedes Gramm Glykogen, das noch in meinem Körper ist, muss geschont werden. Der Fettstoffwechsel ist meine einzige Chance dieses Ding nach Hause zu bringen.

Ca. drei Stunden dauert es noch, bis ein paar größere Ortschaften in Frankreich kommen. In Saint-Hippolyte dann ein Hotel direkt an der Strecke. Auf gut Glück stelle ich mein Rad ab und spaziere triefend nass in die Lobby: „Est-ce que vous avez une chambre?“ Ja, haben sie. Zwar ist es erst 18 Uhr, aber egal. Ich brauche einfach eine Pause, um wieder zu Kräften zu kommen. Ansonsten droht das dnf. Das Hotel stellt sich jedoch als alles andere als optimal heraus. In der Ortschaft gibt es keine Möglichkeit etwas zu essen zu kaufen. Und im Hotel gestaltet sich das als äußerst schwierig. Recht verzweifelt versuche ich dem Hotelier klar zu machen, dass ich einfach irgendetwas schnelles zum Essen auf dem Zimmer brauche. Gibt es aber nicht. Kein Essen auf dem Zimmer. Essen gibt es nur um 19 Uhr. Nur im Speisesaal. Dass ich keine trockenen Klamotten oder irgendwas ziviles dabei habe, stößt auf taube Ohren. Na gut, dann habe ich jetzt also eine Stunde lang Zeit, die ich zum Duschen und Klamotten föhnen nutze. Danach mit halb nassem Raddress wieder runter in die Lobby, ein seltsames Hähnchengericht mit Gemüsetalern und Eis mit Baiser. Mein Magen rebelliert schon während ich mir das Zeug reinzwinge. Egal. Danach erstmal Schlafen. Das hilft sicherlich auch, um wieder zu Kräften zu kommen. Ich checke den Wetterbericht und siehe da, die Nacht soll trocken werden. Also time ich meinen Schlaf so, dass ich nach dem Regenstopp wieder weiterfahren kann. Bedeutet satte 4,5 h Schlaf. Viel mehr als ich ursprünglich für das gesamte Rennen vorgesehen hatte. Aber wenn jetzt schon mal die Klammotten trocknen können und der Anschluss an die Spitze ohnehin abgerissen ist, macht es herzlich wenig Sinn zwei Stunden früher im Nassen wieder loszuradeln.

Hotelstopp zum Trocknen der Klammotten

Ab in die Vogesen – Tag 3

Gegen ein Uhr nachts geht es also weiter. Es ist trocken. Die nacht ist mild. Und das Fahren macht wieder richtig Spaß. Insbesondere meine Füße danken es mir, dass die Schuhe und Socken mal richtig trocknen konnten. Die Haut war gerade kurz davor gewesen aufzureißen. Gutes Timing also, das Stechen unter den Fußsohlen ist wieder weg.

Zu diesem Zeitpunkt ist das Racing Gefühl ehrlicherweise abhanden gekommen. Daher mache ich mir beim Losfahren auch gar nicht erst die Mühe, auf den Tracker zu schauen. Ich bin einfach nur stolz auf mich, am Vorabend eine kluge Entscheidung getroffen zu haben. Kluge Entscheidungen zu treffen ist beim Ultracycling schließlich das Wichtigste und entscheidet am Ende über Finish oder dnf. Wobei kluge Entscheidungen bei körperlicher Erschöpfung und Schlafmangel gar nicht so leicht zu treffen sind. Hier macht sich die langjährige Erfahrung in jedem Fall am stärksten bemerkbar.

Recht ereignislos geht es also durch die zweite Nacht. Erstaunlich schnell kommen die ersten Anstiege in den Vogesen und zack: Auf einmal bin ich schon am zweiten Checkpoint in La Haute Fourche. Eine super nette Begrüßung. Christian und Carla schlafen leider noch, daher kein professionelles Foto. Aber noch viel wichtiger ist ein heißer Tee, ein Teller Nudeln und die Möglichkeit mir ein bisschen Proviant für unterwegs mitzunehmen. Zum Glück gibt es die Möglichkeit ein bisschen Baguette zu schmieren, was ich in meiner Musette verstaue. Hier mache ich das Tracking mal wieder auf. Aber was ist da los? Ich bin als 10. am CP2? Der zweite Tag war also für alle ziemlich herausfordernd. Immer wieder habe ich mir in schwachen Momenten gesagt: Wenn ich leide, leiden alle anderen auch. Offensichtlich hat das gestimmt. Plätze 8 und 9 sind gar nicht mal so weit vor mir. Platz 11 und 12 aber auch dicht auf meinen Fersen. Nicht völlig abgeschlagen zu sein, gibt mir aber in jedem Fall etwas zusätzliche Motivation. Wobei meine Entschlossenheit dieses Event zu finishen eigentlich groß genug war. Aber es hat geholfen doch hin und wieder mal etwas Druck auf´s Pedal zu geben.

Stefan Barth bei der Mittelgebirge Classique

Im Anschluss kommt ein wunderbarer Tag in den Vogesen. Es regnet kaum, die Sonne kommt sogar immer mal wieder durch und die Strecke geht einfach auf wunderbar kleinen und wenig befahrenen Straßen über die Cols. Erst der Grand Balon, dann der Petit Balon und noch gefühlt dutzende weitere Cols, deren Namen ich vorher noch nie gehört hatte. Ich bleibe weiter in meinem Rhythmus, versuche aber an den Anstiegen jetzt ein bisschen mehr Zug auf die Kette zu bringen, um in den Top 10 zu bleiben oder sogar noch einen Platz gut zu machen. Ich bin fest entschlossen, das Event jetzt ohne weitere große Unterbrechungen nach Hause zu bringen. Gleichzeitig macht sich das Kaloriendefizit immer mehr bemerkbar. Ständig muss ich anhalten und massiv Wasser lassen. Ein untrügerisches Zeichen, dass mein Körper jetzt richtig heftig Fettmasse abbaut. Nicht gut. Aber es sind auch „nur“ noch 400 km.

An den Trois Epis nochmal ein weiterer Stopp in der Boulangerie. Wenn ich schon nicht viel essen kann, dann muss ich wenigstens flüssig ein paar Kalorien reinbringen. Bestelle also zwei Fanta und eine Cola, woraufhin ich drei Gläser nach draußen gebracht bekomme. „Oh, vous êtes seul?“ Ja, man erntet immer wieder Kopfschütteln. Den Bäcker-Stopp nutze ich dann auch nochmal wieder zur Gesäßpflege, welche mich etwas verunsichert. Der Hintern tat zwar etwas mehr weh als üblich, aber nicht übertrieben stark. Beim cremen merke ich dann aber, dass sich bereits Haut abzulösen scheint. Zu viel Nässe am Vortag. Nicht gut.

Egal. Ersteinmal geht es weiter. Jetzt wieder im Regen. Zum Glück aber nicht so dauerhaft wie am zweiten Tag. Nichtsdestotrotz kommt am Abend der befürchtete Leistungseinbruch. Ich fülle an einem Brunnen in einem kleinen Dorf meine Flaschen auf und sofort setzen Zitteranfälle ein. Auf der anderen Straßenseite baut ein Herr gerade seinen Imbisswagen zusammen, daneben steht ein Baguette-Automat. Ich frage, ob ich eine Cola kaufen kann. Und bekomme auch eine. Als ich bezahlen möchte, erfahre ich das der Herr gar keine Getränke verkauft. Aber er hat immer eine Cola in seinem Auto. Schenkt er mir. Ich ziehe mir für einen Euro noch ein Baguette aus dem Automaten und setzte mich auf eine kleine Treppe. Da sitze ich dann. Zitternd, bei hereinberchender Dunkelheit, an einer Cola nippend und einem trockenem Baguette knabbernd. Das zweite Mal stehe ich am Scheideweg. Ich könnte schon noch weiterfahren, denke ich mir. Aber was, wenn wieder so heftiger Regen einsetzten sollte. Das schaffe ich vielleicht nicht.

Also doch nochmal einen zweiten Hotel-Stopp einlegen. Im nächsten Ort – Urmatt – gibt es ein Hotel. Das hat zwar schon zu, aber die nette Besitzerin ist bereit noch 20 min auf mich zu warten. Also ziehe ich mir ein zweites Baguette aus dem Automaten, verstaue es portionsweise in meiner Musette und mache mich zum Hotel auf. Dort angekommen checke ich nochmal das Tracking. Immer noch Rang zehn. Vor mir jetzt aber eine große Lücke. Meine nächsten Verfolger auch nur noch knappe 30 km bzw. 35 km hinter mir. Davon die meisten Kilometer bergab. Wenn ich jetzt also eine längere Pause mache, sind die Top 10 nicht mehr machbar. Ein kurzer Anruf zu Hause bei meiner Freundin – dann steht der Plan. Ich brauche die Pause. Aber ich brauche nicht viel. Nur dieses kleine bisschen, um mich gut durch die dritte Nacht zu bringen. Also zack, ab unter die Dusche. Endlich schauen, wie schlimm der Hintern wirklich ist. Desinfizieren und cremen. Es fühlte sich schlimmer an, als es war. Das große Problem des Energiedefizits. Genauso wie Schlafmangel wirkt sich das einfach enorm auf die Schmerzwahrnehmung aus. Dann ein Powernap von 20 Minuten und mit vollem Racing-Modus auf die letzten 250 km.

Hier kannst du nachlesen, warum bereits ein 20-minütiger Power Nap ausreichend sein kann.

Die dritte Nacht ist in vollem Gange. Jetzt bin ich der Verfolger. Die Lücke zum Vordermann minimal. Luca ca. zwölf Kilometer vor mir. Auf die Ohren kommen jetzt abwechselnd Scooter und der Spacemix. Meine Musette ist noch gut mit Baguette gefüllt und ich zwinge mich jede Stunde davon zu essen. Alle Anstiege drücke ich so gut es eben noch geht. Und es geht noch was. Nach ca. einer Stunde Fahrzeit mache ich den ersten Platz wieder gut. Der Abstand zu Luca hingegen bleibt konstant. Er hält gut dagegen. Bis zum Morgengrauen. Jetzt fängt es wieder heftig an zu schütten. Knapp 70 km vor dem Ziel schließe ich zu Luca auf. Völlig übermüdet musste er in der Shell Tankstelle auch noch einen Power Nap machen. Eigentlich hatte er nicht vorgehabt die nacht durchzufahren. Aber auch ihn hat Rang 10 motiviert. Also auch ich rein in die Shell, nochmal ein Eistee für die Radflasche, ein heißer Kakao gegen die Kälte und ein paar Kinderriegel für die letzten Stunden bis zum Hambacher Schloss.

Gemeinsam fahren wir wieder los. Aber wie geht´s jetzt weiter? Er völlig übermüdet und mit Knieschmerzen, ich mit Gesäßschmerzen und bald am Ende meiner Fettreserven. Wir unterhalten uns. Finden uns ganz nett. Und kommen schnell zu dem Schluss, dass ein Schlusssprint jetzt schon ziemlich scheiße wäre. Wir haben uns die ganze Nacht lang gebattelt. Keiner konnte sich absetzten. Also einigen wir uns auf ein Remis. Lass uns die letzten Stunden gemeinsam fahren und uns den 10. Platz teilen. Es sind jetzt noch 67 km. Gleichzeitig lächerlich wenig und irgendwie doch unendlich weit.

Den Rest fahren wir nun also nebeneinander her durch den strömenden Regen, rein in den nächsten Tag. Am Ende noch die letzte steile Rampe zum Hambacher Schloss und es ist vollbracht. Der Vater meiner Freundin nimmt uns in Emfpang und hat prompt noch ein paar umstehende Passanten zum Anfeuern engagiert. Wir klatschen ab. Teilen diesen Moment. Es ist vollbracht. 77 h Fokus. 77 h nur dieses eine Ziel. 77 h ganz bei mir selbst. Danke Ultracycling! Genau dafür bin ich gekommen. Genau dafür komme ich wieder!

Luca Wesel und Stefan Barth am Ziel der Mittelgebirge Classique 2025

P.S.: Wenn du wissen willst, was ich bei dem Event alles dabei hatte, findest du hier ein YouTube Video mit der Beschreibung des gesamten Set-ups.

Das gesamte Set-up bei YouTube ansehen

Veröffentlicht von Stefan

Ultracyclist, Ironman, Medical Fitness and Endurance Coach

4 Kommentare zu „Mittelgebirge Classique – Erfahrungsbericht

  1. In einem Rutsch durchgelesen – vielen Dank fürs Mitnehmen, Stefan! Es ist immer wieder so schön zu lesen, welche Geschichten & Erfahrungen sich hinter einem „Dot“ so verbergen! Einfach super stark gefahren! Die MC steht sicherlich auch mal noch auf meiner Wunschliste!

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